Kapitel 1: Zwei gute Freunde

 

Es war einer der schönen Tage im Dorf. “Weißer Stern” freute sich sehr. Ihre beste Freundin “Hüpfender Hase” hatte heute ihren 18. Geburtstag und würde ohnedies in einigen Tagen mit “Starker Bär” vermählt werden. Laut dem Stammesgesetz würde die Feier drei Tage und drei Nächte dauern. Sie freute sich ungeheuerlich und durfte sogar die Bräutigamstänzerin sein, was hieß, dass sie als erste den Bräutigam zum tanzen auffordern musste. Weshalb war sie also so bekümmert?

Seufzend blickte sie dem Adler über ihrem Kopf nach. Sie wünschte sich, dass sie eines Tages genau so weise sein würde wie ihr Vater. Sie bewunderte ihn für seine Ruhe und Allwissenheit in allen Situationen. Lag jemand mit Fieber und Wahnvorstellungen im Bett, so musste man nur “Fliegender Adler” holen und man konnte sicher sein, dass der Patient in weniger als 5 Tagen wieder auf den Beinen war. Er war auch der Seelsorger der Verzweifelten und der Kriegerfreund der Männer. Doch in letzter Zeit wurde er immer seltsamer; oft sagte er stundenlang kein einziges Wort oder sprang plötzlich auf und starrte ins Leere. Er erzählte auch keine seiner Geschichten mehr, was er doch sonst immer so liebte. Stattdessen ging er sehr früh schlafen und stand auch sehr spät auf. Sie konnte nicht anders, sie machte sich große Sorgen. Sie war so in ihre Gedanken vertieft, dass sie die schleichenden Schritte hinter sich nicht bemerkte. Plötzlich schossen zwei Hände hervor und bevor sie sich erholt hatte, brach schallendes Gelächter hinter ihr aus. “Weißer Stern” drehte sich erbost um.

Hüpfender Hase, Kleiner Biber, wie konntet ihr mich nur so erschrecken!!”, rief sie, die Hände in den Seiten, empört.

Sie konnte es nicht fassen. Ihre 2 besten Freunde kugelten sich vor Lachen, während sie fast einen Herzanfall bekam. Aber dann grinste sie. Sie konnte nie jemandem lange böse sein.

Was habt ihr euch nur dabei gedacht?”, fragte sie.

Ach, weißt du, du hast so bedrückt dagesessen und wir wollten dich ein bisschen erschrecken und aufheitern. Du siehst nämlich aus, wie sieben Tage Regenwetter mit Hagel!”

Typisch “Kleiner Biber”, immer ehrlich und zu Späßen aufgelegt. Na ja, sonst wäre er ja auch nicht ihr zweiter bester Freund.

Von dir hätte ich das aber nicht erwartet”, sagte sie an “Hüpfender Hase” gewandt.

Ich konnte einfach nicht widerstehen”, antwortete diese lächelnd.

Du solltest dich doch freuen, wegen meiner Hochzeit und nicht Trübsal blasen.”

Ich weiß, tu ich doch auch, aber mir macht mein Vater Sorgen. Er ist so seltsam in letzter Zeit.”

Komm schon, hör auf damit, es geht ihm bestimmt gut. Das ist wahrscheinlich nur das Alter, immerhin ist er ja nicht mehr der Jüngste”, meinte “Kleiner Biber”.

Vielleicht hast du recht”, gab “Weißer Stern” zögernd zu.

Im Grunde hatten sie ja recht, sie sollte sich freuen und sich nicht immer so viele Sorgen machen.

Hey, warum seid ihr eigentlich hier, solltet ihr nicht mit den Pferden zum Fluss gehen?”, viel ihr plötzlich ein.

Wir wollten dich fragen, ob du nicht mitgehen willst”, antwortete “Hüpfender Hase”.

Sie war trotz ihres Namens und ihrer Jugend sehr ruhig, genau wie der Vater von “Weißer Stern”. Sie wurde von Älteren sehr respektiert und von Jüngeren bewundert, insbesondere von “Weißer Stern”, die zwar nur zwei Jahre jünger war, aber für ihr Alter manchmal ziemlich albern und kindisch sein konnte. Und gerade deswegen mochte “Hüpfender Hase” sie ja so; weil sie so unbekümmert und beinahe unbändig erschien. Und obwohl “Weißer Stern” etwas anders in der Hautfarbe war, gehörte sie doch zum Stamm und würde es auf ewig bleiben, egal was passieren mochte.