Abschnitt 5

Als Kai am Nachmittag in den Wintergarten gekommen war, hatte sich ihm seine Verlobte an den Hals geworfen.

„Oh Kai, wie schön, dass wir uns wiedersehen, nicht wahr?“

„Warum bist du hier?“, wollte Kai wissen.

„Also wirklich, so begrüßt man doch nicht seine Verlobte! Zeig gefälligst etwas mehr Manieren, mein Sohn.“

Kais Vater warf diesem einen ermahnenden Blick zu.

„Entschuldige, Valerie. Es ist nur so, dass ich nicht mit dir gerechnet habe.“, sagte Kai an Valerie gewandt.

„Ach was, schon in Ordnung. Ich nehme es dir nicht übel.“, tat Valerie die ganze Sache ab.

„Es war ja auch als Überraschung gedacht.“

‚Die ist dir gelungen’, dachte sich Kai, sagte es aber nicht, sondern lächelte nur gezwungen höflich.

„Hey, Kai?“, zwitscherte Valerie ihm ins Ohr.

„Ja, Val?“

„Ich würde gerne etwas mit dir unternehmen. Gehen wir heute Abend aus?“, fragte Val.

Kai zuckte innerlich zusammen, ließ sich aber nichts anmerken.

„Tut mir leid, ich bin schon besetzt für heute Abend.“, sagte er.

Vals Lächeln fiel ein wenig zusammen.

„Ach, wirklich? Und wer hat das Vergnügen?“, wollte sie schnippisch wissen.

„Die Vertreterin eines Architekturbüros. Ich habe heute Abend ein Geschäftsessen mit ihr.“

„Was wollen die von dir? Du wirst doch Arzt, also weshalb wollen die ein Geschäft mit dir abschließen?“, fragte sein Vater grob.

„Es wird noch gar nichts abgeschlossen. Sie befragen mich nur ein wenig, nach meiner Meinung. Und wenn ich ihnen gefalle, könnte ich später einmal ein paar Bauprojekte für sie planen. Natürlich nur so nebenbei, nicht Hauptberuflich.“

Kai wusste, dass seine Lüge bei der geringsten Nachforschung zusammenfallen würde, aber momentan musste er verhindern, dass ihm seine Familie in die Quere kam. Dass er Vertreterin gesagt hatte war Absicht, falls sie ihn zufällig mit Sheela sahen.

„Aber mach dieser Vertreterin nicht falsche Hoffnungen, mein Schatz, sonst gibt das nur Tränen.“, meinte Valerie süffisant.

„Ich mache niemandem falsche Hoffnungen.“, entgegnete Kai.

„Und was diese Projekte betrifft, darüber reden wir noch ein anderes mal. Jetzt lasst uns den Nachmittagstee genießen und Val erzählt uns, was sie in letzter Zeit so erlebt hat.“, beendete Kais Vater die Unterredung.

 

„Huh, mir ist ganz schön warm… Alles okay mit dir Kai?“, unterbrach Sheela dessen Gedanken.

„Hm? Ja, ja alles in Ordnung. Wie war’s?“, fragte Kai mit einem kleinen Lächeln.

„Oh, ich wurde die ganze Zeit neu aufgefordert. Ich fasse es kaum. Dem letzten Mann musste ich aber absagen, weil ich nämlich völlig außer Atem bin. Mir ist so heiß, ich könnte einen ganzen See austrinken.“, plapperte sie fröhlich vor sich hin.

Als sie Kai ansah, grinste dieser.

„Warum grinst du so?“, wollte Sheela etwas verlegen wissen.

„Ach, ich freue mich nur darüber, dass du dich gut amüsierst.“, meinte Kai.

„Wenn du lächelst bist du noch schöner, als sonst.“

Sheela wurde erneut rot.

„Was hast du denn zu trinken bestellt?“, lenkte sie ab.

„Das ist ein Sauvignon blanc, aus Frankreich. Mein Lieblingswein, weil er nicht so schwer ist, wie andere Weine. Willst du einen Schluck probieren?“, fragte Kai.

„Ja bitte.“, sagte Sheela.

Während Kai einschenkte, musterte Sheela ihn erneut. Als sie vom Tanzen zurückgekommen war, hatte Kai gedankenverloren vor sich hingesehen. Anscheinend waren das aber nicht gerade fröhliche Gedanken gewesen, denn er hatte die Stirn dabei etwas gerunzelt.

‚Ach, wird schon nichts mit mir zu tun gehabt haben’, tat Sheela es in ihren Gedanken ab.

„Stoßen wir an.“, sagte Kai.

„Worauf denn?“

„Auf einen schönen Abend mit dir.“, antwortete Kai und sah Sheela dabei direkt in die Augen.

Dieser lief es bei seinen Worten und bei seinem Blick heiß den Rücken hinunter. Sie ließ sich allerdings nichts anmerken, lächelte zurück und stieß mit ihm an.

„Was wollen die Herrschaften zu Essen bestellen?“, fragte der Kellner.

Sheela beugte sich etwas zu Kai vor und flüsterte:

„Würdest du bitte für mich bestellen? Ich weiß bei soviel Auswahl gar nicht, was ich nehmen soll..“

„Ja sicher, gerne.“, flüsterte Kai zurück.

An den Kellner gewandt sagte er:

„Wir hätten gerne die Pekingente-Orange für zwei Personen. Ach, und könnten sie uns bitte noch einen Krug mit Wasser bringen? Danke.“

Der Kellner nickte höflich und ging.

„Darf ich dich etwas fragen?“, sagte Sheela zögernd.

„Nur zu.“

„Warum warst du nicht in dem Nachmittagskurs? Ich hatte gedacht, dass das dein Kurs war.“

„Na ja, ich hatte ehrlich gesagt auch vor ihn zu besuchen, aber da habe ich dich dann gesehen. Da konnte ich mir die Gelegenheit nicht entgehen lassen. Ich wollte eigentlich mit einem Strauß Blumen bei dir auftauchen und mich bei dir entschuldigen. Aber heute Morgen habe ich etwas verschlafen, darum hatte ich keine Gelegenheit bei dir vorbeizuschauen. Als ich dich am Nachmittag nach Hause gehen sah, habe ich mir gedacht, jetzt oder nie. Und den Rest der Geschichte kennst du ja.“

„Ja, das ist wahr.“

„Worüber hat sich dieser Joe eigentlich so empört geäußert?“, fragte Kai.

Sheela lachte und erzählte ihm von Joes Gedankengang. Als Kai begriff, was Joe gemeint hatte, fing auch er zu Lachen an. Während sie aßen, erzählte Sheela ein paar Geschichten von Sato und Kai erzählte etwas aus seinem Studentenleben. Der Wein lockerte die Stimmung auf und Beide lachten über die Geschichten des jeweils Anderen. Als Sie beim Dessert angekommen waren, sah Sheela auf die Uhr.

„Du liebe Güte, es ist schon Elf!“, erschrak sie.

„Musst du zu einer bestimmten Zeit wieder zu Hause sein?“, fragte Kai.

„Nein, eigentlich nicht. Aber morgen sind doch wieder Seminare. Da sollte ich nicht zu spät schlafen gehen.“

„Ja da hast du Recht. Tut mir Leid, dass ich die Zeit übersehen habe. Aber der Abend war so schön, dass ich nicht auf die Zeit geachtet habe. Nach dem Dessert bringe ich dich nach Hause, okay?“, schlug Kai vor.

„Ja, bitte.“, antwortete Sheela erleichtert, aber auch etwas betrübt.

Kai bemerkte das und sein Herz machte einen Sprung. Anscheinend hatte ihr dieser Abend so sehr gefallen, dass sie nur ungern nach Hause ging.

‚Das heißt, dass ich sie bald noch einmal einladen werde. Hoffentlich sagt sie dann auch zu.’, dachte er sich.

Um halb zwölf gingen Kai und Sheela. Kai half ihr in den Mantel und ins Auto. Dann fuhren sie los. Als sie zwei Minuten vor zwölf bei Sheela ankamen, tat es dieser Leid, dass der Abend schon zu Ende war. Kai begleitete Sie noch zur Tür.

„Ich danke dir für die Einladung. Es war ein wirklich schöner Abend.“

„Hat er dir gefallen?“, fragte Kai.

„Ja. Ich habe mich schon lange nicht mehr so gut amüsiert, wie heute. Danke noch mal.“

„Das habe ich sehr gerne getan. Mir hat der Abend auch sehr gut gefallen.“

Sie standen vor der Haustür.

„Na dann, gute Nacht.“, sagte Sheela.

„Ja, gute Nacht. Schlaf gut.“

„Danke.“

Sie standen sich gegenüber. Die Uhr schlug Mitternacht. Sheela und Kai standen so nah beieinander, dass er ihr Parfum riechen konnte. Das Bedürfnis, sie in seine Arme zu ziehen und sie zu küssen und zu berühren, wurde plötzlich übermächtig. Er riss sich aber noch im letzten Moment zusammen und hauchte Sheela nur einen Handkuss auf den Handrücken.

„Mach’s gut.“, sagte er und ging.

Sheela konnte nichts sagen.

 

Bei Kais Berührung hatte ihr Herz so stark zu klopfen begonnen, dass sie Angst gehabt hatte, er könnte es hören. Leise öffnete sie die Haustür, ging hinein und schloss sie wieder. Dann lauschte sie dem Geräusch von Kais Motor, das immer leiser wurde. Im Hintergrund schlug die Kirchturmuhr den letzten Schlag.

‚Jetzt ist er weg’, dachte Sheela und irgendwie überkam sie eine gewisse Melancholie.

Auf Zehenspitzen ging sie Richtung Schlafzimmer. Als sie dabei am Wohnzimmer vorbeikam, bemerkte sie, dass der Fernseher noch lief. Sie ging hin um ihn auszuschalten.

„Hallo, schon zurück?“

Beinahe hätte Sheela aufgeschrien, hielt sich aber im letzten Moment noch die Hand vor den Mund. Mit Herzklopfen sah sie Joe vorwurfsvoll an.

„Joe, schleich dich bitte nicht immer so an.“, flüsterte sie ihm zu.

„Hab ich doch gar nicht.“, antwortete dieser, ebenfalls flüsternd.

„Na ja, ist ja auch egal jetzt. Schläft Sato?“, fragte Sheela.

„Ja, ich habe ihn gerade rübergetragen in sein Zimmer. Wie war das Abendessen?“

„Ach, ganz okay.“, meinte Sheela, sah Joe dabei aber nicht in die Augen.

„Aha...“ war alles was Joe darauf sagte.

„Na dann werde ich mal gehen, damit du in die Falle kommst. Schlaf gut und träum schön von deinem Märchenprinzen.“, sagte Joe und ging, bevor Sheela ihm noch etwas entgegnen konnte, grinsend zur Tür raus.

‚Dauernd diese Anspielungen, das werde ich ihm morgen noch heimzahlen’, beschloss Sheela noch grinsend im Bett.

Dann schlief sie mit einem Lächeln ein.

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Fortsetzung folgt.