Abschnitt 4

Hätte Joe Kai beobachtet, hätte er gewusst, dass Kai Sheela selbst in zerrissener Jeans und mit unordentlichen Haaren abgeholt hätte, so fasziniert war er von ihr. Als Kai von der Uni weggefahren war, hatte er ein seltsames Hochgefühl gehabt. Er war sogar summend bei der Eingangstür reinspaziert.

„Ah, du bist wieder da. Wie schön, dass du dich so auf ihren Besuch freust!

Hach, dann wird das wohl doch noch was zwischen euch!“, sagte da seine Mutter, die gerade die Wendeltreppe heruntergekommen war.

„Was? Sie ist hier? Aber ich habe ihr doch gar nicht meine Adresse gegeben...“

Kai war völlig verdutzt stehen geblieben. Seine Mutter lachte.

„Schätzchen, die hat sie doch von mir.“

Kai dämmerte plötzlich, dass seine Mutter nicht von Sheela sprechen konnte.

„Ach so, ja klar..“ stammelte er, um wenigstens etwas zu sagen.

„Mein Liebling, du solltest dich beeilen mit dem Umziehen. Du weißt ja, ein Gentleman lässt eine Lady niemals warten. Oh, Valerie hat sich schon so gefreut dich zu sehen! Sie wird begeistert sein!“, plapperte seine Mutter fröhlich weiter, ohne Kais plötzliches Erstarren zu bemerken.

„Wie lange ist sie schon hier?“, fragte er dann mit versteinerter Miene.

„Oh, sie ist vor fünf Minuten eingetroffen. Sie sitzt gerade im kleinen Wintergarten. Und jetzt zieh dich endlich um. Na los!“, sagte seine Mutter.

Kai ging nach oben. Er zwang sich, ruhig zu gehen, so lange seine Mutter ihm nachsah. Im Zimmer angekommen, musste er erst ein paar mal tief ein- und ausatmen, um sich zu beruhigen. Das war etwas Unvorhergesehenes gewesen. Er musste, egal was passierte, unbedingt verhindern, dass Val etwas von seinem Rendezvous mit Sheela erfuhr. Er wusste, dass sie sonst nämlich alles daran setzen würde, um das Treffen zu verhindern. Dass seine Verlobte auftauchen würde, hatte er nicht voraussehen können.

‚Auf in den Kampf’, dachte Kai und ging runter.

 

Währenddessen hatte Sheela alles andere als Sorgen. Sie und Joe hatten, nach einem ausgiebigen Blick in ihren Schrank, eine Einkaufstour gemacht. Zusammen mit Sato waren sie in sämtliche Geschäfte gegangen, die sie finden konnten und hatten alles an Outfits durchprobiert. Das heißt, Sheela zog sie an und Joe und Sato gaben Kommentare dazu ab. Das wurde besonders zum Spaß, da Joe und ihr kleiner Bruder das wie bei einer Fernsehshow aufzogen.

„Und hier kommt das Modell „Kleines schwarzes Nichts“, getragen von einem wunderbaren Model, namens Sheela. Oh, das ist nichts für schwache Nerven, dieses Outfit, was sagst du dazu, Sato?“, kommentierte Joe und sah dann, gespielt ernst und fragend, zu Sato.

„Also, ich sage, Joe, wenn sie das anzieht, fängt er zu sabbern an, sobald er sie sieht. Wie so ein Hund! Wuff! Wuff! Hechel, hechel!“, sagte Sato und alle Beide bogen sich vor Lachen.

Sheela wollte eigentlich böse schauen, schaffte es aber nicht, weil die Kommentare der Beiden einfach zu sehr dem entsprachen, was sie dachte. Und wenn sie sich das alles dann noch bildlich vorstellte, konnte sie auch nur noch lachen. Jetzt tat sie so, als wollte sie total sexy gehen. Sie schwang ihre Hüften, mit einer Hand darauf, hin und her. Die andere hielt sie so hoch, dass es aussah, als würde sie ihre Nägel betrachten. Bei dieser gekonnten Darbietung von Eitelkeit kamen Joe und Sato die Tränen vor Lachen.

„Okay, jetzt aber wieder ganz ernsthaft. Sheela, bei allem Respekt, ich fürchte, das kannst du wirklich nicht anziehen. Das wäre viel zu aufreizend.“, sagte Joe, halb keuchend, nachdem er sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.

„Stimmt. Ich glaube, ich nehme lieber das Andere.“, stimmte diese ihm grinsend zu.

Zu Hause angekommen, machte sie sich ans Abendessen für die Beiden Anderen. Danach duschte sie noch einmal, zog sich an und machte sich an ihr Make-up. Sie legte nicht besonders viel auf, da sie nicht aussehen wollte, wie eine „aufgetakelte Ziege“, wie ihr Bruder so schön sagte. Um fünf vor halb Acht war sie fertig und stand prüfend vor dem Spiegel.

„Meint ihr, ich habe zu viel aufgelegt?“, fragte sie skeptisch.

„Dass ihr Frauen aber auch nie zufrieden sein könnt, wenn ihr euch herrichtet.“, meinte Joe kopfschüttelnd und lachte.

„Du siehst toll aus, ganz ehrlich.“

„Sicher?“

„Ja, zum 75. mal. Er wird dich für eine Göttin halten, wenn er dich sieht.“

„Danke noch mal, dass du mir mit Sato aushilfst.“

„Jetzt mach dir keine Sorgen, Joe und ich schauen uns heute einen total coolen Film im Fernsehen an. Und du musst Kai zeigen, wie nett du bist, damit er mal wieder vorbeikommt.“, sagte Sato zu seiner, nervösen, großen Schwester.

Sheela wollte noch etwas sagen, aber da klingelte es an der Tür.

„Ich komme schon“, rief sie.

„Also, dass ihr mir ja keinen Blödsinn anstellt, ja?“

„Das sollte ich zu dir sagen, nicht?“, flüsterte Joe ihr zu, als Sato gerade die Augen verdrehte, ob Sheelas Ermahnung.

„So ein Blödsinn, wir gehen essen, schon vergessen? Was soll da schon passieren?“, zischte sie zurück.

„Und warum bist du dann so rot?“ Joe grinste, weil er sah, dass Sheela zwar noch etwas entgegnen wollte, es aber nicht konnte, da sie bei ihren letzten Worten die Tür geöffnet hatte.

„Hallo.“, sagte Sheela zu Kai.

Er antwortete nicht sofort, sondern erst, nachdem er sie ausgiebig gemustert hatte.

„Guten Abend.“

„Okay, also viel Spaß euch Beiden! Und dass ihr mir nicht zu viel trinkt, ja?“, sagte Joe, grinste und schloss die Tür.

„Tschau, schlaft gut!“, rief Sheela Sato noch zu, dann war die Tür zu.

„Gehen wir?“

„Ja, okay.“, sagte sie und folgte Kai.

 

Als Kai Sheela abholte, blieb ihm für einen Moment die Luft weg, so hübsch war sie. Sie hatte nur wenig, wenn überhaupt, Make-up aufgetragen. Durch den Lidschatten und den gut gesetzten Kajal wirkten ihre Augen mysteriös, doch gleichzeitig stark anziehend.

„Du siehst gut aus.“, meinte Sheela zu Kai.

„Danke.“, antwortete dieser.

„Wollen wir gehen?“

„Ja, sicher.“

Kai führte Sheela zu seinem Wagen und half ihr hinein. Sheela zupfte nervös an sich herum, während Kai ebenfalls einstieg und losfuhr.

„Wohin fahren wir denn?“, fragte sie nach einiger Zeit in die Stille hinein.

„In ein schönes Restaurant, das dir garantiert gefallen wird.“, antwortete er mit einem Lächeln.

‚Zumindest hoffe ich das’, dachte Kai.

Nach ungefähr einer halben Stunde hielt Kai an.

„Sind wir schon da?“, fragte Sheela überrascht.

„Ja, warte bitte einen Moment.“, sagte Kai und stieg aus.

Er half Sheela aus dem Wagen und sagte:

“Willkommen im Restaurant „Diamonds“, ich hoffe es gefällt dir.“

„Ich habe noch nie davon gehört. Woher kennst du es?“

„Ach, weißt du ich habe einmal hier gegessen. Es gefiel mir sehr gut, deshalb habe ich mir gedacht, dass ich mit dir herfahren könnte.“

Während sie miteinander redeten, gingen sie durch den Eingang. Sheela wollte noch etwas fragen, doch bei dem was sie erblickte, verschlug es ihr glatt die Sprache. Über ihr hing ein riesengroßer Luster aus reinem Kristall, am Boden lag ein roter Teppich und rechts neben dem Eingang stand ein kleiner Tresen mit einem Portier.

„Das hier ist nur die Garderobe. Darf ich dir den Mantel abnehmen?“, fragte Kai.

„Was? Oh, ja, sicher doch..“, antwortete Sheela etwas verwirrt.

Kai nahm ihr den Mantel ab und führte sie weiter.

„Nun, gehen wir zu unserem Tisch?“

Sheela wollte ihn fragen, ob man hier reservieren musste, doch sie kam gar nicht dazu. Der Anblick der sich ihr bot, ließ sie völlig überwältigt stehen bleiben. Das Restaurant war ein Raum, der eher einer Halle glich, an deren Decke weitere riesengroße Kristallluster hingen. Überall sah man Kellner im schwarzen Frack, die Tische waren mit goldenen Decken belegt und es gab eine riesige Tanzfläche in der Mitte des Saales. Kai, der Sheelas Verblüffung bemerkte, zog sie etwas zur Seite, damit sie nicht so sehr auffielen. Er musste Sheela dreimal ansprechen bevor sie reagierte.

„Was? Was hast du gesagt?“

Kai lächelte in sich hinein.

„Ich habe dich gefragt, ob wir zu unserem Tisch gehen wollen.“

„Oh ja, das ist eine gute Idee.“

Kai nahm Sheela am Arm und führte sie zu einem Tisch neben einem Aquarium, in dem ein Kugelfisch seine Runden zog.

„Was möchtest du trinken?“

„Ach, ich weiß nicht, was würdest du denn trinken?“, fragte Sheela.

Sie war durch all den Prunk etwas verunsichert. Kai bemerkte das, deshalb beugte er sich etwas vor, lächelte sie an und sagte:

“Keine Sorge, hier tut dir niemand etwas.“

„Das weiß ich doch. Aber...“

„Was ist denn?“

„Na ja, weißt du, ich bin soviel Glanz und Prunk nicht gewöhnt. Ich komme mir vor wie ein Goldfisch in einem Haibecken. Ich komme mir hier so unpassend vor.“

„Glaub mir, du passt hier sehr viel besser rein, als die Dame dort am Fenster.“, sagte Kai und deutete leicht mit seinem Kopf nach links.

Als Sheela sah, wen er meinte, konnte sie sich gerade noch das Lachen verkneifen. Die Dame, welche er gemeint hatte, trug ein sehr auffälliges Make-up und ein sehr enges Kleid, was bei ihrer Figur nicht gerade vorteilhaft war. Kai war erleichtert zu sehen, dass Sheela etwas lockerer wurde.

„Was ich dich fragen wollte, ist es nicht schwer hier einen Tisch zu bekommen?“, wollte Sheela wissen.

„Nun, eigentlich gewinnt man eher im Lotto als hier einen Platz zu bekommen, erst recht in so kurzer Zeit.“

„Und wie hast du dann so schnell einen Tisch bekommen? Bist du reich, oder so?“

Das war die Frage vor der Kai sich am allermeisten gefürchtet hatte. Er wollte Sheela nicht belügen, aber er konnte ihr auch unmöglich die ganze Wahrheit sagen. Zumindest noch nicht.

„Ich habe eine sehr großzügige Tante, die diesem Restaurant einmal etwas gespendet hat. Deshalb hat sie hier immer einen für sie reservierten Tisch, den aber auch Familienmitglieder benutzen dürfen. Sie lebt in den Bergen, in ihrer Ferienhütte und kommt eher selten her. Deshalb kann ich ihn heute auch ohne weiteres benutzen. Und die Rechnungen gehen auf sie, weshalb du dir heute alles aussuchen darfst, was du willst.“

„Echt? Wow, das nenn ich aber wirklich großzügig. Stört sie das wirklich nicht, wenn sie dauernd für Dinge bezahlen muss, die sie gar nicht gekauft hat?“, fragte Sheela etwas misstrauisch.

„Nein, ich habe heute mit ihr telefoniert und sie gefragt, ob ich darf. Vorausgesetzt natürlich, dass du zusagst.“, fügte Kai noch hinzu.

‚Gerade noch’, dachte er sich.

Sheela brauchte ja nicht zu wissen, dass er schon mit ihrer Zusage gerechnet hatte.

„Willst du tanzen?“, fragte er sie plötzlich.

„Wie? Was? Oh ja, sehr gerne.“, antwortete Sheela leicht überrascht.

Kai nahm sie bei der Hand und führte sie auf die Tanzfläche. Die Band stimmte gerade einen Walzer an. Kai nahm Sheelas Hand in seine und legte die andere auf ihr Schulterblatt. Langsam drehte er sich mit ihr im Takt.

„Du siehst einfach wunderbar aus, weißt du das?“, sagte Kai.

„Oh, danke.“

Etwas errötend nahm Sheela das Kompliment an.

„Das Kleid steht dir wirklich gut. Hattest du das in deinem Schrank versteckt?“, wollte Kai lächelnd wissen.

„Nein, das habe ich heute erst gekauft. Du findest wirklich, dass es mir steht?“

„Ja. Es betont sehr schön deine wunderbaren Augen.“

Sheelas Augen begannen zu leuchten bei seinen Worten und sie wurde wieder rot.

„Ach was, du Charmeur, das ist nur das Licht...“, wollte sie abwinken.

Doch Kai sah, dass ihr das Kompliment gefiel.

„Deine Augen waren das Erste, das mir auffiel, als ich dich letztens aufgefangen habe. Sie haben mich total fasziniert.“, gestand Kai, bevor er sich zurückhalten konnte.

„Ehrlich?“

Sheela war verblüfft. Sie fand ihre Augen gar nicht so ungewöhnlich. Sie hatte immer gedacht, dass ihre Augen gar nicht so auffallend waren.

„Verzeihung, mein Herr, darf ich übernehmen?“, fragte plötzlich ein anderer Mann.

„Das müssen Sie die Dame hier fragen, nicht mich.“, antwortete Kai höflich.

„Na dann, darf ich um einen Tanz bitten, junge Lady?“, fragte der Mann.

„Ja, natürlich, warum nicht?“, antwortete Sheela angenehm überrascht.

„Ich setze mich derweil und bestelle etwas zu trinken, okay?“, fragte Kai an Sheela gewandt.

„Ja, okay.“

„Viel Spaß.“

„Danke!“

Kai ging zum Tisch zurück. Während der Kellner die bestellte Flasche Wein holte, beobachtete Kai Sheela beim tanzen. Er hatte sich nicht getäuscht. Sie bewegte sich sehr elegant, geradezu graziös übers Parkett, als ob sie das schon immer gemacht hätte.

‚Noch dazu ist sie wunderschön’, dachte er, während Sheela erneut aufgefordert wurde.

‚Kein Wunder, bei der Figur und ihren traumhaften Augen’, sann er weiter.

Trotzdem konnte er sie noch nicht seiner Mutter vorstellen. Erst musste er sich noch um Valerie kümmern. Allerdings war äußerste Vorsicht geboten, denn Valerie konnte sehr aufbrausend werden. Was er heute erneut gemerkt hatte.