Abschnitt 3

Als Kai am Morgen an die Uni gekommen war, hatte er gerade noch den größten Auflauf verhindern können. Aber als er nach zwei Stunden in den Hof hinausging, um etwas Ruhe zu haben, war es mit dieser nicht sehr weit. Er stand noch keine halbe Minute draußen, als er plötzlich von lauter Mädchen umringt war. Eine war sogar so dreist, sich bei ihm einzuhängen und ihm einen vielsagenden Blick zuzuwerfen. Anscheinend war dieses Mädchen die „coolste“ hier, denn keines der anderen Mädchen wagte es, etwas Ähnliches zu tun oder gar zu protestieren. Kai lächelte gezwungen höflich, immerhin wollte er sich nicht gleich am ersten Tag Feinde machen. Das hatte er zwar jetzt trotzdem, denn die Jungs sahen gar nicht begeistert aus, aber die waren ihm irgendwie egal. Plötzlich sah er diese Sheela oben im 1. Stock am Fenster stehen. Sie sah gar nicht glücklich, ja sogar böse herunter.

‚Was hab ich jetzt wieder getan’, dachte Kai, bis er bemerkte, dass der Blick nicht ihm, sondern Jessy galt.

Anscheinend verstanden sich die Beiden nicht so gut. Kai löste sich aus Jessys Umklammerung und sah wieder hoch. Da spürte er einen Stich in der Magengegend. Das hatte weniger mit Magenproblemen, als mit dem großen, schlanken Mann bei Sheela zu tun. Er hatte ihr die Augen zugehalten, ihr etwas ins Ohr geflüstert und sie hatte sich daraufhin lachend umgedreht.

‚Wahrscheinlich war das ihr Freund’, überlegte er etwas betrübt, als er sah, dass sie wieder lachte.

Er war enttäuscht, obwohl er sich nicht erklären konnte, warum. Hatte er etwa gehofft, dass sie noch zu haben war, so hübsch wie sie war? Wie hatte er nur so etwas Dummes annehmen können?

 

Pünktlich um 2 ging Sheela aus der Uni hinaus. Zum Glück musste sie in keines der Nachmittagsseminare gehen. Bei dem herrlichen Sonnenschein, der jetzt herauskam, taten ihr diese Studenten schon fast Leid. Aber nur fast. Dieser Kai war nämlich in dem Kurs, wie Joe herausgefunden hatte.

‚Kleine Sünden straft der liebe Gott sofort’, dachte Sheela und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

„Was grinst du denn so?“, fragte plötzlich jemand hinter ihr.

Sheela blieb fast das Herz stehen.

„Joe, ich hab dir schon tausend Mal...“

„...gesagt, dass du dich nicht so heranschleichen sollst!“, beendete Joe, mit nachäffender Stimme, ihren Satz.

Da konnte Sheela nicht widerstehen und musste schon wieder lachen. Joe schaffte es wirklich immer wieder, sie zum lachen zu bringen. Deswegen konnte sie ihm auch nie richtig lang böse sein.

„Ach, ich habe nur an jemanden Bestimmten gedacht und mir vorgestellt...“

„Also wirklich, Sheela, das hätte ich mir nie von dir gedacht!“, unterbrach Joe sie übertrieben empört.

Sheela sah ihn nur perplex an. Sie hatte keine Ahnung, wovon er redete.

„Wovon redest du?“, fragte sie Joe.

„Erstens, dass du deinen festen Freund vor mir verheimlichst, und Zweitens, dass du so schmutzige Gedanken denkst, also wirklich, ...Tss, Tss, Tss,... das hätte ich nie von dir gedacht, wirklich nicht,...“, meinte Joe grinsend und theatralisch den Kopf schüttelnd.

Jetzt begriff Sheela, was er meinte und hätte beinahe wieder gelacht.

„Ach so, nein, du verstehst mich falsch, das hab ich gar nicht gedacht, ich...“

„Hallo“, sagte da jemand hinter ihnen.

Joe dreht sich, etwas überrascht, um und Sheela zuckte kurz zusammen, hatte sich aber gleich wieder im Griff und drehte sich ebenfalls um.

„Hallo“, sagte sie zu Kai.

‚Was macht der Typ hier, ich dachte, der sitzt in dem doofen Kurs’, dachte sie sich.

Es entstand ein unangenehmes Schweigen, in dem sich Sheela, gezwungen lächelnd, und Kai, etwas verlegen, ansahen und Joe vom Einen zum Anderen sah. Joe musterte Sheela genauer.

‚Seltsam’, stutzte er ‚sonst ist sie doch nie stumm, wie ein Fisch’.

Irgendwie schien dieser Typ sie aus der Fassung zu bringen. Da es den Anschein hatte, dass keiner von Beiden etwas sagen würde, brach Joe das Schweigen.

„Hallo. Also, wer bist du und was willst du von meiner besten Freundin?“, fragte Joe und machte sich fast unmerklich größer.

‚Wow’, dachte Kai ‚der Typ ist ja riesig, aber er ist nicht ihr Freund, also...’

„Ich wollte nicht unhöflich sein, Verzeihung, ich heiße Kai. Und ich wollte mit Sheela unter vier Augen reden. Natürlich nur, wenn es Ihnen nichts ausmacht, dass ich sie für eine Minute entführe.“, antwortete Kai höflich und blickte seinem Gegenüber dabei in die Augen.

‚Also Mumm hat er, das muss man ihm lassen’, dachte Joe sich beeindruckt.

„Also gut, aber nur eine Minute“, meinte Joe zu Kai.

„Falls du mich brauchst, dann ruf einfach, okay?“, meinte er nur an Sheela gewandt.

„Okay“, sagte diese nur.

Ihr war gar nicht wohl in der Sache. Wenn Joe sie mit jemandem allein ließ, hieß das, dass er dem anderen vertraute. Und das hatte bei Joe was zu bedeuten.

‚Ach egal, auf in den Kampf’, dachte sie sich.

„Was gibt´s?“, wollte sie von Kai wissen.

„Ich,... ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich dir am Freitag in den Rücken gefallen bin. Ich hab erst später erkannt, dass das dumm war. Tut mir wirklich leid,...“

Noch während er sprach wusste Sheela, dass sie ihm nicht mehr böse war.

„Schon okay, ist ja nichts passiert, also, vergiss es okay?“, sagte sie und lächelte ihr wärmstes Lächeln.

„Bist du sicher?“

„Ja vollkommen. Vergiss es einfach.“

„Okay, wenn du das sagst...“

„ Ja, ich bin dir nicht mehr böse, glaub mir.“

Sheela wurde langsam unruhig. Sie wollte weg von Kai, denn irgendwie wurde ihr ganz seltsam zumute, sobald er in ihrer Nähe auftauchte. Sie drehte sich um und wollte wieder zu Joe gehen, da ergriff Kai sie plötzlich an der Hand.

„Halt, warte bitte kurz.“

Sheela entzog ihm ihre Hand, als hätte sie sich verbrannt. Er hatte sie nicht besonders fest gehalten, deshalb wunderte sich Kai einen Moment, schob es aber beiseite, da er Wichtigeres zu tun hatte. Sheela sah Kai misstrauisch an.

„Was denn noch?“

Jetzt viel es selbst ihm auf, dass sie unruhig war und weg wollte.

„Ähm, ich wollte fragen, ob ich es wieder gut machen darf.“

Sheela sah ihn verwundert und dann noch misstrauischer an.

“Wie gedenkst du das zu tun?“, wollte sie wissen.

Kai druckste, plötzlich verlegen geworden, herum.

„Nun, wenn du möchtest, dann.. na ja,.. ich würde dich gern zu einem Abendessen einladen.“

Endlich! Jetzt war es raus. Er sah sie gespannt an. Sheela war völlig perplex. Bat er sie gerade um ein Date? Das konnte doch nicht sein, oder etwa doch?

‚Los, nimm an!’, drängte eine Stimme in ihrem Inneren.

‚Nein, lehn ab, du kennst ihn nicht, außerdem hast du niemanden der auf Sato aufpasst!’, mahnte eine andere.

‚Joe wird sich schon bereit erklären, das zu tun, immerhin kennt er Sato schon ewig.’

‚Aber wer weiß, was dieser Kai vorhat!’

„Und, was ist?“, riss Kai sie aus ihren Gedanken.

Sie war hin und hergerissen. Einerseits hatte sie eine plötzliche Scheu vor Kai. Verständlich da sie ihn fast nicht kannte. Andererseits schmeichelte ihr sein Angebot. Sie bekam, bei aller Nettigkeit, eher selten eine Einladung irgendwohin, ganz zu Schweigen von einem Date!

‚Na gut, ich werde annehmen. Er scheint es ja wirklich wieder gut machen zu wollen. Was soll schon passieren? Ich kann mich notfalls verteidigen. Wozu hat Joe mir ein paar Tricks gezeigt?’, dachte sie.

Dann atmete sie tief durch und sagte:

„Also, ich würde mich freuen, mit dir zu Abend zu essen.“

„Schön. Wann soll ich dich abholen?“

„Du willst mich abholen?“, fragte Sheela verwundert.

„Ja sicher. Dachtest du, ich lasse dich zu Fuß gehen?“

„Nein, nein, schon gut.“, beeilte sie sich zu sagen.

„Wie wär’s mit halb acht?“, fragte sie dann.

„Halb acht, Kay-Street nr. 10. Alles klar. Bis dann.“, sagte Kai, lächelte und ging.

„Alles okay mit dir?“, fragte Joe, als Sheela nachdenklich zu ihm zurückging.

„Ja, ja, alles gut.“

„Was wollte er von dir?“, fragte Joe mit gerunzelter Stirn.

„Ach, er wollte sich nur entschuldigen.“

„Wofür?“

Sheela erzählte ihm von ihrer ersten Begegnung mit Kai.

„Und das hat so lang gedauert?“, fragte Joe etwas abfällig.

„Nein.“, sagte Sheela.

„Was hat er denn noch gesagt?“

Sheela schwieg beharrlich.

„Jetzt rück schon raus mit der Sprache! Lass dir nicht alles aus der Nase ziehen! Was hat er gesagt?“

„Er hat mich zum Abendessen eingeladen, okay? Bist du jetzt zufrieden?“, platzte es aus Sheela raus.

Joe blieb bei diesen Worten stehen.

„Er hat was?! Und das sagst du mir erst jetzt? Spinnst du? Du musst dir doch noch was zum Anziehen aussuchen und dich herrichten! Wann trefft ihr euch und wo?“, fuhr Joe auf.

„Ähm, er kommt mich um halb acht abholen.“, antwortete Sheela etwas überrascht über Joes Reaktion.

„Auch das noch. Na, wenigstens mal einer, der weiß was sich gehört.“, sagte Joe und schob sie weiter.

„Aber wer...“

„...passt auf Sato auf? Das mach ich schon, keine Sorge. Ich kenn ihn eh schon seit einer Ewigkeit. Und jetzt beeil dich, wir müssen dich so stylen, dass es ihn richtig umhaut, wenn er dich sieht!“, sagte Joe und begann zu grinsen.