Abschnitt 2

Sato nickte bedeutungsvoll und meinte dann zu Sheela:

„Hey, Sheela, willst du Kai nicht heiraten?“

Sheela starrte ihn verblüfft an und Kai ließ, ebenso verblüfft, seine Tasse Kaffee wieder sinken.

„Nun, das ist nicht so einfach, wie du dir das vorstellst. Zuerst muss man sich kennen lernen, bevor man heiraten kann.“

„Aber ihr kennt euch doch schon seit 2 Stunden, das muss doch reichen, oder?“, fragte Sato mit gerunzelter Stirn.

Kai und Sheela sahen sich an. Plötzlich fingen alle Beide laut zu lachen an. Sato verstand anscheinend nicht, weshalb sie das taten und blickte nur verwirrt von Einem zum Anderen. Als sie sich wieder beruhigt hatten, sagte Kai:

„Nun, also,... also ICH glaube, dass das manchmal funktionieren könnte, wenn auch vielleicht selten. Du hast Recht, manchmal reichen zwei Stunden um sich kennen zu lernen.“

Während er das sagte, sah er Sheela direkt in die Augen. Ihm fiel auf, dass sie eine wunderschöne blaue Färbung hatten. Sheela hingegen wurde ganz kribbelig zumute, als sie seinem Blick begegnete. Sie spürte, dass er sie sehr genau betrachtete, wusste aber immer noch nicht, was sie davon halten sollte. Sich wieder an Satos Frage erinnernd, meinte sie:

“Wieso fragst du eigentlich, ob ich ihn heiraten will?“ „Na ja, ihr versteht euch doch, oder? Und ich finde Kai total cool!“, antwortete Sato unschuldig und mit Enthusiasmus.

„Aber Sato, Kai ist eigentlich ein wildfremder Mensch für mich. Außerdem hab ich ihn gerade erst kennengelernt und... und...“

Sheela fiel nichts mehr ein, was sie noch sagen konnte. Hilfesuchend sah sie Kai an. Der aber schien ihren Blick entweder misszuverstehen oder er wollte ihr einfach nicht helfen. Anstatt ihr beizupflichten, meinte er:

„Na ja, so fremd bin ich dir jetzt ja auch nicht mehr und da wir uns jetzt auch schon gut unterhalten und auch kennengelernt haben...“

Er stutzte, als er Sheelas Blick auffing.

„Ich glaube, dass Sie langsam wieder gehen müssen, Mister. Sie haben mir doch vorhin gesagt, dass Sie noch einen wichtigen Termin hätten, den Sie auf keinen Fall verschieben könnten.“, sagte Sheela mit kühler Höflichkeit zu Kai.

Dem waren der verärgerte Unterton und die veränderte Anrede nicht entgangen.

„Oh, oh ja, danke, dass Sie mich daran erinnern! Nun... ich muss jetzt leider gehen, Sato.“, meinte er, sich zuerst an Sheela, dann an Sato wendend.

„Was, schon?“, fragte Sato mit traurig werdendem Blick.

„Ja, wie gesagt, habe ich noch irgendwo, irgendeinen... äh... wichtigen Termin. Tut mir wirklich Leid.“, antwortete Kai.

Er stand auf und sah Sheela an.

„Auf Wiedersehen.“, murmelte er dann, etwas verlegen, als er an ihr vorbei aus der Wohnung ging.

„Auf Wiedersehen.“, antwortete sie tonlos.

Sie sah ihm noch einen Moment lang nach, während er zu seinem Auto ging und schloss dann nachdenklich die Tür. Ja, er war wirklich nett gewesen. Vorhin hatte er sie anscheinend nur etwas aufziehen wollen. Sie war allerdings überhaupt nicht in scherzhafter Stimmung. Am Abend, als sie im Bett lag, dachte sie noch einmal über die Begegnung mit Kai nach. Er hatte so wunderschöne grüne Augen, einen wirklich gut gebauten Körper und eigentlich einen sehr netten Charakter. Irgendwie kam er ihr fast zu toll vor, um wahr zu sein. Das Einzige, das sie etwas beunruhigte, war die Tatsache, dass er sie mehr oder weniger die ganze Zeit beobachtet und angestarrt hatte. Sie wusste, dass viele männliche Kommilitonen sie hübsch fanden, aber von denen hatte keiner sie je so intensiv und lange beobachtet. Sie seufzte. Es war wirklich zu schön, um wahr zu sein. Sie drehte sich auf die andere Seite, konnte aber einfach nicht einschlafen. Kai spukte ununterbrochen in ihrem Kopf herum. Sie fragte sich, was wohl passiert wäre, wenn Sato nicht da gewesen und Kai einfach geblieben wäre. Sie bekam beim bloßen Nachdenken eine Gänsehaut. Sheela war aber nicht die Einzige, die nicht schlafen konnte.

 

Auch Kai lag schlaflos in seinem Bett. Er hatte das Mädchen während seines Besuches andauernd beobachtet. Er wusste selbst nicht genau, warum, aber sie faszinierte ihn einfach. Sie war wirklich schön gewesen. Die blauen Augen hatten ihn an das Wasser erinnert, das man in seichten Meeresbuchten fand. Dieses Blau in ihren Augen war so klar und leuchtend gewesen und hatte nur einen Hauch von Grün, eine Kombination, die einfach umwerfend und fast schon hypnotisierend war. Ihre Figur hatte ihm auch ganz gut gefallen, obwohl er meist nicht nach Äußerlichkeiten ging. Und erst ihre Bewegungen. Sie hätte glatt von Adel sein können, so elegant, unaufdringlich und doch voll Energie hatte sie sich bewegt.

‚Das ist mit Abstand das schönste Mädchen, das mir je begegnet ist.’, dachte Kai.

Obwohl er nicht verstand, warum sie ihm am Ende einen fast bösen Blick zugeworfen hatte. Er hatte nichts verbrochen. Vielleicht hätte er ihr nicht in den Rücken fallen sollen, als sie ihn hilfesuchend angesehen hatte. Jetzt, wo er darüber nachdachte, fiel ihm auf, dass das wirklich unhöflich gewesen war. Nun tat es ihm richtig Leid, dass er das nicht früher erkannt hatte.

‚Ich werde mich bei ihr entschuldigen’, beschloss er.

Mehr konnte er eigentlich nicht tun. Er fragte sich nur, warum sie so empfindlich reagiert hatte. Aber darüber nützte es nichts nachzudenken. Er würde einfach morgen mit einem Strauß Blumen bei ihr anklopfen und sie um Verzeihung bitten.

‚Moment mal’, stutzte er plötzlich ‚ich kenne sie noch nicht einmal wirklich.’

Warum er seinen Entschluss dann aber doch einhalten wollte, konnte er sich nicht so recht erklären.

 

Als am Montag pünktlich um fünf Uhr der Wecker klingelte, war Sheela bereits wach. Seufzend stand sie auf. Sie fühlte sich total zerschlagen und hätte sich am liebsten wieder hingelegt. Stattdessen zog sie sich ihren Trainingsanzug an, nahm ihren MP-3-Player und begann ihre morgendliche Runde Jogging durch den Noname Park. Als sie eine dreiviertel Stunde später wieder zu Hause war, fühlte sie sich immer noch etwas angespannt, aber jetzt war sie wenigstens munter. Nach einer heißen Dusche war auch das letzte bisschen Spannung von ihr abgefallen und sie begann, für sich und Sato ein Essenspaket herzurichten. Pünktlich um halb Acht verließ sie die Wohnung. Sato war schon etwas früher gegangen, weil er noch ein paar Dinge zu erledigen hatte. Als Sheela schließlich an der Uni ankam, sah sie plötzlich ein ihr bekanntes Auto.

‚Oh Gott, der wird mich doch wohl nicht verfolgen, oder? Ist das etwa ein Stalker?’, erschrak sie mit plötzlich aufsteigender Angst.

‚Halt’, mahnte sie sich jedoch einen Moment später selbst.

Er war doch Student, also würde er hier wahrscheinlich studieren. Auch das noch, dann sah sie ihn ja ab jetzt jeden Tag. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

‚Na, egal, dann muss ich ihm eben aus dem Weg gehen.’, schloss sie ihre Gedanken ab und ging in ihr erstes Seminar.

Als sie zwei Stunden später eine kleine Pause machte, bemerkte sie eine kleine Menschentraube, die nur aus Mädchen zu bestehen schien. Von dem Fenster aus dem 1. Stock, an dem Sheela stand, konnte man Kai sehr gut erkennen. Wenigstens Einer hatte als Neuankömmling Spaß. Normalerweise wurden die ja zuerst völlig ignoriert. Sie seufzte, als sie sah, dass Jessy sich bei ihm einhängen wollte. Diese hatte ein schlecht verhülltes, triumphierendes Lächeln auf den Lippen und sah Kai mit einem, wie sie glaubte, sexy Augenaufschlag an. Plötzlich spürte Sheela zwei Hände auf ihren Augen und jemand flüsterte ihr „Wer bin ich?“ ins Ohr. Sie konnte nicht anders, als sich lächelnd umzudrehen.

„Joe, du weißt, dass du der Einzige bist, der das macht, also, wer sollte es sonst sein?“, antwortete Sheela lachend.

„Na ja, versuchen könnten sie es ja, aber da müssten sie zuerst einmal an mir vorbei.“, meinte Joe und baute sich zu seinen vollen 1,99 Metern auf. Sheela lachte.

„Du meinst, die müssten zuerst mit dir flirten, bevor sie mit mir reden dürfen, stimmt's?“

„Machst du Witze? Von diesen Waschlappen hier will ich nicht einmal jemanden geschenkt haben. Das sind doch alles nur verzogene, dumme Snobs, die sich für etwas Besseres halten, nur weil ihre Eltern mit Geld vollgestopft sind.“

Sheela musste schon wieder lachen. Man konnte sagen, was man wollte, aber Joe war eindeutig der beste Freund, den man sich vorstellen konnte. Und dass er homosexuell war, trug zu Sheelas Vertrauen wahrscheinlich noch bei.