Abschnitt 1

Sheela seufzte leise. Es war Freitag und die letzte Stunde.

‚Musste es ausgerechnet Mathe sein?’, dachte sie sich.

Die Stunde wollte aber auch gar nicht vergehen. Sie sah sich um. Egal wo sie hinsah, überall gelangweilte oder verständnislose Gesichter. Nur ein Student schrieb eifrig die Formeln der Mathematik mit.

‚Typisch Joe’, schmunzelte Sheela und lächelte in sich hinein. ‚Er ist wahrscheinlich der Einzige hier, der den ollen Knäppe versteht. Trotzdem,  ist er total nett.’

Sie sah auf die Uhr. Noch 5 Minuten, dem Himmel sei Dank, dann war endlich Wochenende. Sie seufzte erneut. Hoffentlich gab der spießige Lektor nicht auch noch Übungszettel aus. Sheela hatte nämlich besseres zu tun, als die ach-so-tollen mathematischen Formeln zu lernen. Heute Abend wollten ihre Eltern kommen.

‚Das heißt, wenn sie sich nicht wieder gestritten haben.’, sinnierte Sheela und ihre Laune wurde noch düsterer.

Am Besten war es, erst gar nicht daran zu denken, sonst würde es vermutlich noch passieren. Plötzlich schreckte sie hoch. Es hatte geklingelt. Vor lauter Nachdenken hatte sie gar nicht bemerkt, dass die Zeit nun doch wie im Fluge vergangen war. Sie stand, wie alle Anderen, auf und packte ein. Bevor sie jedoch fertig war, sagte jemand:

„Hey Sheela, ich an deiner Stelle würde mir mal eine neue Tasche kaufen!“

‚Auch das noch...’, stöhnte Sheela innerlich und drehte sich um.

Hüfte schwingend und feixend ging Jessy auf sie zu, wie immer gefolgt von ihrem Bewunderungskomitee.

„Was ist denn, wieso sollte ich mir denn eine Neue kaufen?“, wollte Sheela, gezwungen höflich, wissen.

„Ganz einfach, weil dieses Teil, das du Tasche nennst, aussieht, als ob es schon deiner Urgroßmutter gehört hätte. Ach ja, und deine Klamotten hast du wohl vom Obdachlosenheim, wie?“

Jessy grinste und die Anderen lachten. Sheela sagte nichts. Sie tat, als hörte sie die Beleidigungen nicht, drehte sich um und packte weiter ein. Unter dem Gelächter der Anderen ging sie aus dem Seminarraum. Warum konnte diese doofe Ziege Jessy sie nicht einfach in Ruhe lassen? Nur, weil sie reiche Eltern hatte und das vielleicht beliebteste Mädchen am ganzen Campus war?

‚Eigentlich’, überlegte Sheela ‚tut sie mir ja leid.’

Das Einzige, was ihre „Freundinnen“ von ihr wollten, war Geld. Alles Andere war sowieso nur Heuchelei. Und Jessys Eltern hatten nie Zeit für sie, deswegen war sie wahrscheinlich so verzogen. Aber nur, weil man meistens alles tat, was sie sagte, musste sie doch nicht auf Sheela losgehen.

Dazu hatte Jessy kein Recht. Völlig in Gedanken versunken schrak sie plötzlich hoch, als ihr einfiel, dass sie noch einen Kuchen besorgen musste. Sie drehte um und rannte zum nächsten Supermarkt.

‚Gerade noch rechtzeitig’, atmete sie erleichtert auf, als sie 15 Minuten später wieder herauskam.

Sie hatte sich nicht entscheiden können, welche Torte sie nehmen sollte, ob mit Erdbeergeschmack oder mit Bananengeschmack. Nach 10 Minuten hatte sie einfach Beide genommen.

‚Wenigstens gibt es dann keine Streitereien wegen der Geschmäcker’, stellte Sheela fest und sah auf die Uhr.

Und da durchfuhr sie der Schreck. Es war schon fast 6 Uhr! Ihre Eltern wollten um halb 7 da sein und sie musste doch noch duschen und etwas kochen! Und ihre Eltern kamen NIEMALS zu spät! (Das war das Einzige, wo sie sich ausnahmsweise einig waren...) Aufgebracht lief sie los. Sie musste unbedingt schnell nach Hause sonst würde es ein riesiges Chaos geben! Sheela bog rennend um die Ecke... und hätte fast einen jungen Mann über den Haufen gerannt. Zu Tode erschrocken sprang sie zurück... und hätte beinahe wieder einen Unfall gehabt. Sie wäre auf die Straße gefallen, wenn der nette junge Mann sie nicht im letzten Augenblick geistesgegenwärtig aufgefangen hätte. Mit klopfendem Herzen und völlig starr vor Schreck, lag sie in seinen Armen und konnte keinen klaren Gedanken fassen. Sie wusste nicht genau, wie lange sie in seinen Armen hing, aber er machte auch keine Anstalten, sie loszulassen. Lächelnd sah er auf sie hinab. Sie sah verwirrt zurück. Nach einiger Zeit wurde Sheela klar, dass sie sich langsam wieder aus seinen Armen befreien sollte. Doch irgendwie fand sie sein Lächeln so faszinierend.

„Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“, fragte er plötzlich mit schelmischem Blick.

„Ähm... ich... eh.. ja.. eh.. ich meine, nein.. eh..“, stotterte Sheela, völlig überrumpelt von einer so direkten Frage.

Sie wollte sich befreien, was aber nicht mehr nötig war, weil er sie bereits losließ. Immer noch völlig konfus trat sie ein paar Schritte zurück.

„Danke “, sagte sie dann mit dem Anflug eines Lächelns.

„Keine Ursache“, meinte der Fremde nur. Beide standen etwa einen Meter voneinander entfernt und musterten den jeweils Anderen. Sheela bemerkte zwei wunderschöne, dunkle, grüne Augen, eine eher lässige Kurzhaarfrisur und muskulöse Arme, die das Hemd, welches er trug, nur schwer verbergen konnte. Doch trotz seiner eher sportlichen Statur, wirkte er nicht machomäßig. Im Gegenteil; durch seine feinen, sanften Gesichtszüge sah er sehr sympathisch aus.

‚Ein ganz netter Kerl’, dachte Sheela.

Unwillkürlich fragte sie sich, ob er wohl eine Freundin hatte. Ihr Gegenüber hatte sie wohl sehr genau beobachtet, denn plötzlich sagte er:

„Nein, habe ich nicht.“

Um Gottes Willen, konnte der Typ etwa Gedankenlesen? Erschrocken sah Sheela auf die Uhr und stellte noch erschrockener fest, dass es zehn Minuten vor halb sieben war.

’Mist’, fluchte sie innerlich, ‚das schaff ich nicht mehr.’

Anscheinend hatte der junge Mann sie nicht aus den Augen gelassen, denn er fragte:

„Kann ich Ihnen vielleicht helfen?“

„Nein, nein, danke, aber...“, stotterte Sheela herum.

Plötzlich wurde ihr bewusst, dass sie sich völlig kindisch benahm, wenn sie sich nicht helfen ließ. Sie waren Beide erwachsen, also konnte sie seine Hilfe ruhig annehmen.

„Haben Sie vielleicht ein Auto, mit dem Sie mich in die Kay-Street fahren können?“, rutschte es aus ihr heraus.

Erneut huschte ein Lächeln in sein Gesicht.

„Ja, habe ich. Kommen Sie?“, fragte er während er sich umdrehte.

Sheela folgte ihm mit den Torten zu einem kleinen, aber sehr schön lackierten Wagen. Er machte ihr die Tür auf und ließ sie einsteigen. Danach setzte er sich hinter das Steuer, startete den Wagen und sagte dann auf Butlerart:

„Wo genau darf ich Sie denn hinbringen, Miss?“

„In die Kay-Street Nummer 10, wenn Sie so freundlich wären.“, stieg Sheela auf sein Spiel ein.

Beide begannen zu lachen, während sich der Wagen in Bewegung setzte.

„Ich heiße übrigens auch Kai, aber mit i. Und wie heißen Sie?“, fragte er, immer noch lächelnd, während er durch die Stadt fuhr.

„Sheela, mit S, h und zwei e.“

„Sehr erfreut.“

„Ebenfalls.“

„Was bringt Sie denn dazu, so schnell um Ecken zu biegen?“, wollte Kai nach einiger Zeit wissen.

„Meine Eltern.“, antwortete Sheela und ihre Laune sank wieder.

Es war inzwischen fünf vor halb sieben und wie es aussah, hatte sie nun keine Zeit mehr etwas vorzubereiten. Langsam hielt Kais Wagen und Sheela stieg aus.

„Danke.“, sagte sie.

„Keine Ursache“, winkte Kai ab.

Da kam auch schon ihr kleiner Bruder herangeeilt, mit dem Telefon in der Hand.

„Sheela, das ist Mum, sie will mit dir sprechen“, rief er ihr entgegen.

‚Oh nein’, dachte Sheela.

Mit einem unguten Gefühl nahm sie das Telefon.

„Hallo? Mum? Ja, ich bin´s, ... wie, ihr könnt nicht kommen? Aber, warum... ach so... nein, nein, schon okay. Dann eben ein anderes Mal... ja, okay. Tschau.“

Sheela legte auf und sagte zu ihrem kleinen Bruder:

“Sato, bring bitte das Telefon wieder rein.“

„Kommen Mum und Dad nicht?“, fragte Sato neugierig.

„Nein, leider nicht“, seufzte Sheela.

Dann bemerkte sie, dass Kai immer noch neben ihr stand und sie ansah. Langsam wurde es ihr mulmig, dass dieser Typ sie andauernd anstarrte. Mit Resignation in der Stimme meinte sie:

„Nun, wollen Sie vielleicht auf ein Stück Kuchen und einen Kaffee hereinkommen? Wie es aussieht habe ich wohl zu viel eingekauft.“

„Danke, sehr gerne.“, antwortete er.

‚Schon wieder’, dachte Sheela ‚er hat schon wieder gelächelt.’

Offenbar amüsierte sich dieser Typ köstlich über sie; wobei sie nicht wusste, worüber eigentlich. Also entweder hatte der Kerl eine Macke oder ein extrem sonniges Gemüt.

„Kommst du?“, riss Sato sie aus ihren Gedanken.

„Ja, ich komme schon.“, rief sie und eilte den Beiden nach.

Fünf Minuten später saßen sie alle in der Küche bei Kuchen, Kaffee und Tee.

Kai hatte ihr inzwischen das „Du“ angeboten.

„Was machst du denn so?“, fragte er sie.

„Ach, nichts Besonderes, ich bin gerade im 3. Semester meines Studiums.“

„Und was studierst du?“

„Biochemie und Mikrotechnik.“

„Hört sich interessant an.“, meinte er.

„Und du?“, fragte Sheela zurück.

Es stellte sich heraus, dass er Medizin studierte, im 5. Semester, obwohl er eigentlich Architekt werden wollte.

“Aber mein Vater meinte, dass ich das jederzeit machen könnte. Außerdem helfe ich gerne Menschen. Deshalb bin ich jetzt doch Medizinstudent.“, schloss er.

„Ich bin schon in der 4. Klasse“, meinte Sato ernst dreinschauend, während Sheela noch etwas Kaffee machte.

„Oh, da hast du aber sicher sehr viel zu lernen, oder?“, sagte Kai mit einem gespielt bewunderndem Blick.